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... Musikanten sind in der Stadt !



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Wenn die Polizei zum \"Casting\" bittet - 11.09.2008 - Matthias ausblenden
 

 
NameMatthias
TextWenn die Polizei zum «Casting» bittet
10. September 2008, Neue Zürcher Zeitung

Vom Umgang der Städte mit Strassenmusikern – «grundsätzlich gut für das Ambiente»

Strassenmusiker bringen Leben in die Städte und verdienen dabei gutes Geld. Bevor es im Hut oder Gitarrenkoffer klimpert, müssen die Musikanten in einigen Städten ein «Casting» durchlaufen. In anderen Orten entscheidet das Los, wer eine Bewilligung erhält.

csc. Mit der Klarinette im Gepäck ist er aus Ungarn angereist. Jetzt steht Verady Bertalan bei der Gewerbepolizei in Winterthur und greift in die Kartonschachtel mit den bunten Losen. Der Strassenmusiker rollt das Stück Papier auf, dann nickt er zufrieden und streckt dem Beamten Peter Bünzli den Zettel entgegen. Bertalan hat es geschafft: Er darf heute gegen eine Gebühr von zwanzig Franken in der Altstadt mit seinem Instrument auftreten. Jeden Tag um 13 Uhr 30 erteilt die Gewerbepolizei Winterthur zwei Bewilligungen für musizierende Strassenkünstler; bewerben sich mehrere Musiker, entscheidet das Los. Eine Niete gezogen hat Robert Baňa. Der Slowake zuckt mit den Schultern: «Pech gehabt, jetzt gehe ich nach Zürich, da kann ich ohne Bewilligung am Seebecken spielen.» Vielleicht komme er morgen wieder.
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Vor der Gewerbepolizei übernachtet

Früher hätten die ersten zwei Musikanten, die sich am Schalter meldeten, eine Bewilligung erhalten, erzählt Bünzli von der Gewerbepolizei. «Das hat aber dazu geführt, dass sie vor dem Gebäude übernachtet haben – nach Türöffnung hat es dann oft ein Gerangel gegeben.» Der Losentscheid werde unter den Musikern gut akzeptiert, und wenn einer «zwei, drei Mal Pech gehabt hat», helfe man dem Schicksal manchmal ein wenig nach, indem man dem Musiker das richtige Los in die Hand drücke, verrät Bünzli.

Inzwischen hat der Ungar Verady Bertalan mit seiner Klarinette in der belebten Fussgängerzone Stellung bezogen. Die Schweiz sei ein gutes Pflaster, um Geld zu verdienen – er hofft heute auf über hundert Franken. Und es sieht gut aus: Schon wieder klimpert es im Pappbecher. Nicht alle sind aber von der Darbietung gleichermassen begeistert. Die Qualität der Musik lasse zu wünschen übrig, zudem sei das Repertoire des ungarischen Strassenkünstlers äusserst bescheiden, ärgert man sich zum Beispiel in einer Anwaltskanzlei. Im Sommer, wenn viele Büroangestellte bei offenem Fenster arbeiteten, sei die sich immer wiederholende Musik den ganzen Tag zu hören – trotz dem vorgeschriebenen Standortwechsel um 200 Meter nach jeweils zwanzig Minuten.
Tonleitern reichen nicht

Es darf aber nicht jeder in der Winterthurer Altstadt auftreten:
Um als Musiker getarnte Bettler von der Strasse fernzuhalten, habe man auch schon Personen am Schalter gebeten, ein Stück vorzuspielen. Wenn der «Kandidat nur Tonleitern auf einer Flöte beherrscht, ist der Fall klar», so Bünzli. Um ein gewisses musikalisches Niveau zu gewährleisten, geht die Stadt Biel noch einen Schritt weiter. Hier sind alle Strassenmusiker verpflichtet, ein «Casting» bei der Gewerbepolizei zu durchlaufen, bevor sie die kostenpflichtige Bewilligung erhalten. «Mindestens drei Lieder müssen sie vortragen», sagt René Geiser, stellvertretender Kommandant der Stadtpolizei. Je nach Wetter spielten in Biel von 9 bis 21 Uhr bis zu zehn Strassenmusiker. Es komme vor, dass sie Leute abweisen müssten – die Qualität komme an erster Stelle. «Einmal hat sich einer beworben, der mit einem Keyboard aus dem Spielwarengeschäft per Knopfdruck bereits programmierte Lieder abspielte – das geht natürlich nicht.»

In Basel kennt man weder den Losentscheid noch eine Qualitätsprüfung bei der Gewerbepolizei.
«Bei uns kann jeder in der Innenstadt und am Bahnhof kostenlos auftreten», sagt Nicolas Drechsler von der Kantonspolizei. An «guten Tagen» seien bis zu fünfzig Musikanten in den Strassen anzutreffen. Laut Drechsler gibt es zwar immer wieder Reklamationen von Anwohnern und Geschäftsinhabern – meist handle es sich um «chronische Anrufer». Grundsätzlich seien die Strassenkünstler aber «gut fürs Ambiente in der Stadt». Bei Hochbetrieb müsse die Polizei pro Woche rund drei Mal eingreifen. Etwa wenn die Musiker nach dreissig Minuten den Standort nicht wechselten oder offensichtlich bettelten.
Sonntags nie

Dass eine liberale Politik wie in Basel aber im Sinne der «professionellen guten Musiker» ist, zweifelt die Kennerin der Szene Christine Wyss an. Die Veranstalterin des Strassenmusik-Festivals «Buskers» in Bern begrüsst Reglementierungen und Qualitätskontrollen, wie sie etwa in Biel stattfinden. «Seit den neunziger Jahren überschwemmen schlechte Musiker aus Osteuropa die Schweiz, was dem Image der gesamten Branche enorm geschadet hat.» Ein Dorn im Auge sind ihr die bandenmässig organisierten Osteuropäer, die als Musiker getarnt auftreten, aber das Instrument schlecht oder gar nicht beherrschen.

Laut Wyss dürfen auf der anderen Seite die Hürden auch nicht allzu gross sein: Vielfach wüssten die durchreisenden Musikanten nicht, wo und ob sie sich melden müssen. «Hinzu kommen Sprachbarrieren und kundenunfreundliche Öffnungszeiten der Gewerbepolizei.» Wenig Verständnis hat Wyss zudem für die strikten Vorschriften, welche in den meisten Schweizer Städten Gruppen ab zwei Personen betreffen: Zwei afrikanische Trommler seien zum Beispiel lauter als eine vierköpfige A-cappella-Formation. Und dass am Sonntag nicht gespielt werden dürfe, sei auch nicht mehr zeitgemäss.

«Pseudomusiker» nicht erwünscht

csc. Während in manchen Fussgängerzonen in der Schweiz vom Morgen bis um 22 Uhr gespielt werden darf, muss in anderen Städten die Mittagsruhe respektiert werden, oder die Polizei erlaubt das Musizieren erst am Nachmittag. In Luzern sind Auftritte beispielsweise sogar erst ab 16 Uhr 30 gestattet. Andere Städte wie Zürich erlauben Strassenmusik nur in bestimmten Zonen wie zum Beispiel am Seebecken. Für Gruppen ab zwei Personen, die pro Stunde bis 100 Franken verdienen, gibt es häufig zusätzliche Einschränkungen und Auflagen: Die Gebühr ist meist höher, und Bewilligungen werden nur beschränkt erteilt. So erlaubt die Stadt Bern jährlich zwanzig bis dreissig Auftritte von Musikensembles. Für Gruppen wie etwa Schulklassen, die kein Geld sammeln, gelten hingegen weniger strikte Vorschriften. In der Schweiz sind grundsätzlich laute Instrumente wie etwa Schlagzeuge oder Dudelsäcke verboten. Ebenso dürfen offiziell keine Verstärker eingesetzt werden, während Hintergrund- oder Begleitmusik toleriert wird. Überall sind regelmässige Standortwechsel vorgeschrieben. Ob eine Person ihr Instrument beherrscht oder bettelt, liegt jeweils im Ermessen der Polizei. Die Problematik der bettelnden Musiker ist in der Schweiz immer wieder Gegenstand politischer Diskussionen: Eine Motion der SVP-Fraktion der Stadt Luzern forderte 2007 zum Beispiel, dass sich Musiker wie in anderen Städten bei der Polizei melden sollten.

Quelle siehe LINK
Webseitehttp://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/wenn_die_polizei_zum_casting_bittet_1.827847.html
 






aktualisiert: 13.01.2013